PRESSEECHO AN DAS LICHT

Sächsische Zeitung Dresden

Neptun fliegt mit der Rakete zum Ofen

Atelierbesuch. unter dem Titel "An das Licht" stellt der Maler und Zeichner Joachim Gelfert aus Tharandt erstmals seine Bilder öffentlich aus.


Thomas Morgenroth

Die rote Rakete fliegt über das blaugraue Haus mit den neun Fenstern, ein Glaskolben wächst neben dem Eingang. In Höhe der dritten Etage steht ein Tier, vielleicht ein Reh, auf dem Dach thront ein alter Backofen. Der exotische Fisch mit den gelben Zackenlinien beschaut sich die Szene, Wasser schwappt in die Straßen, die weiße Schlange flieht. Neptun wird helfen, sein Dreizack ragt aus den Wellen. Neugierig guckt der Mond über den Horizont.
Mit überbordender Phantasie hat Joachim Gelfert 1983 sein Bild gemalt, das wie alle Arbeiten es Tharandter Künstlers keinen Titel trägt. "Titel interessieren mich nicht", sagt er. Umso mehr dafür die Komposition. Gelfert hatte allerdings weder eine Rakete noch Neptun im Sinn, als er mit dem Pinsel den ersten Punkt auf der Hartfaserplatte setzte. "Der Punkt verpflichtet zu einer Gegenmaßnahme", sagt der 74-jährge. "Und jeder Strich verlangt nach einem Gegenstrich. So entwickelt sich das Bild. Ich gebe der Leinwand einen Impuls, damit sie lebt. Dabei ist es egal, ob ich strenge Kunst oder Kitsch erzeuge. Wichtig ist, dass es empfunden ist. Entscheidend ist die Hingabe."
Was andere in seinen Bildern entdecken, weiß Gelfert erst seit wenigen Wochen. Über 40 Jahre lang bevölkerte er Papier, Leinwände oder Faserplatten mit skurrilen Figuren, Symbolen, Zeichen, Versatzstücken des Alltags und geometrischen Flächen, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Gelfert arbeitete in einer kleinen Wohnhnung in München, unbemerkt, unbeeinflusst und ohne jeden kommerziellen Zwang. Nur seine Frau Gudrun ahnte, welche Schätze sich nach und nach im Atelier ihres Mannes anhäuften. Die Schneidern sorgte für den Lebensunterhalt des aus Rabenau stammenden Ehepaares.
Gelfert scheute den Ausstellungsbetrieb, er wollte keine Zugeständnisse machen. Den Zeitgeist und auch das Zeitgeschehen ließ er draußen vor der Ateliertür. Erst Thomas Körner, der Neffe seiner Frau, brachte ihn dazu, seine Arbeiten einem Publikum zu präsentieren und dessen Interpretationen oder auch Kritiken auszuhalten.
Der Tharandter Kunstglaser hat die Bilder seines Onkels "An das Licht" geholt und richtet unter diesem Titel in seiner Galerie Kunstbahnhof in Dresden die erste Personalausstellung Gelferts aus. Zu besichtigen sind Gemälde und Zeichnungen aus 30 Jahren Schaffenszeit. Es ist eine betörende, meist heitere Reise in surreale Welten, in die man sich verlieben und in denen man sich verlieren kann.
Studium in Dresden
Gelfert malt mit feinem Strich, das ist seine Grundlage seit er 14 Jahre alt ist. Damals brachte er mit Bleistift detailverliebt Bäume aufs Papier. Später lernte er bei Willy Erberl in Freital exakes Zeichnen, um Wände und Tapeten zu dekorieren. Sein Weg führte ihn in die Dresdner Hochschule für Bildende Künstle, seine Lehrer waren Otto Griebel, Erich Fraaß und Herbert Schmidt-Walter. Mit ihm studierten unter anderem Werner Haselhuhn und Max Uhlig, und neben Gelferts Atelier war das von Gerhard Richter.
Die Hochschule entließ Gelfert ohne Diplom: "Es wurde nicht anerkannt. Grüde, sagt er, seien ihm nicht mitgeteilt worden. Die Möglichkeit einer Wiederholung schlug er aus: "Entweder es passt oder es passt nicht. Ich wollt einfach nur malen." 1960 ging er mit seiner Frau nach München.
Vor drei Jahren kamen Gelferts nach Sachsen zurück, sie wohnen nun in Tharandt. Nach Rabenau wollten sie nicht mehr; die Plätze ihrer Jugend sind verwaist oder abgerissen: "Das ist eine tote Stadt." Gelferts Phantasie aber braucht eine lebendige Wirklichkeit als Anregung. Sonst könnten wir wohl nicht mit seiner Rakete zum Ofen fliegen.


Fakten und Notizen zu Joachim Gelfert
Biografisches: 1931 in Rabenau geboren, Lehre als Maler, Zeichner und Dekorateur bei Willy Eberl in Freital; Hilfsarbeiter im Edelstahlwerk, 1952 Vorkurse an der Hochschule für Bilende Künste bei Otto Griebel; ab 1956 Studium bei Erich Fraaß und Herbert Schmidt-Walter; Diplomarbeit wird nicht anerkannt; 1960 Ausreise mit seiner Frau Gudrun nach München; freischaffend als Maler und Zeichner; keine Kinder; 2002 Umzug nach Tharandt.
Künstlerisches: Zeichnet bereits als Kind, zu seinen Mitstudenten in Dresden gehören u.a. Werner Haselhuhn und Max Uhlig, Kontakte zu Gttfried Bammes und Gerhard Patzig; zeinet und malt 40 Jahe lang unabhängig und unbemerkt von der Öffentlichkeit; 2005 erste Personalausstellung in Dresden.
Aktuelles: Ausstellung "An das Licht" in der Galerie Kunstbahnhof Dresden-Plauen, Tharandter Str. 101-103, geöffnet Mo-Fr 9-17 Uhr, Telefon 0351/475250.


Sächsische Zeitung Dresden, Thomas Morgenroth, 17.08.2005.

kunstbahnhof v. 2/2008